Einer der ersten Tage auf meiner aktuellen Station. Meine Praxisanleiterin hatte eine halbe Stunde zuvor gesagt, dass ich Glück hätte, dass es heute so ruhig sei. Dann machte es Rumms. Kurz darauf ging die Notfallklingel und wir hörten eine Kollegin schreien. Mit dem Schlimmsten rechnend, liefen alle zum Zimmer. Es bot sich ein komisches Bild. Anders kann man es nicht beschreiben.

Kleines Einzelzimmer mit schmalem Gang. Auf dem Boden liegend eine etwas kräftigere Dame (ca.130 kg), hinter ihr, schimpfend wie ein Rohrspatz, unsere Kollegin Anna. Sie wollte die Pat. Frau L. (eingeschränkt mobil) vom Bett in den Mobi-Stuhl (eine Art bequemer Rollstuhl) verfrachten. Da hatte Fr. L. aber nicht so wirklich Lust drauf. Weshalb sie sich dann auch kurz vor dem Stuhl zu Boden „gleiten“ ließ. Etwas unsanft. Rumms.

Nun standen wir da, 3 Krankenschwestern, ich, zwischendurch sogar unser Stationsarzt und überlegten hin und her, wie wir die zarte Elfe hochkriegen sollten. Dummerweise füllte sie den Gang fast ganz aus. Dann fiel es einer Kollegin ein „Wartet, wir haben doch diesen neuen Patientenlifter!“ Dieser wurde geholt, aber leider hatte noch niemand von uns eine richtige Einweisung auf das Teil. Zu viert standen wir nun da und versuchten aus der Bedienungsanleitung schlau zu werden.

„Das Tuch muss unter den Hintern und dann die Bänder über Kreuz.“ „Nein, die Bänder müssen unter die Arme!“  „Aber dann rutscht sie doch unten raus.“ „Vielleicht muss man auch beide Tücher gemeinsam verwenden, eins für die Arme und eins für das Gesäß?“ Nachdem wir alle Konstellationen durch hatten und etwas ratlos vor- bzw. hinter Pat. standen, rief eine Kollegin 2 Pfleger von einer anderen Station zur Hilfe. Diese kamen dann auch zügig – und mussten sich beim Anblick der Gesamtsituation das Lachen verkneifen. Die 2 Pfleger klärten uns auf, dass man den Lifter nur benutzen kann, wenn der Pat. schon sitzt, nicht, wenn er noch liegt.

Nun waren wir zwar schlauer was den Lüfter betrifft, aber die Pat. lag immer noch auf dem Boden. Ein Pfleger schlug vor, ein Bettlaken unter sie zu stopfen und sie so bis zum Stuhl zu ziehen. Also ein Laken drunter gesteckt, dann in Anbetracht des Gewichts noch ein zweites. Zu siebt (der Arzt war wieder dazu gekommen) schafften wir es dann irgendwie Fr. L. in diesen Stuhl zu bugsieren.

20 Min. später lag die nächste Pat. auf dem Boden, diesmal allerdings komplett selbst verschuldet. Diese war aber zum Glück sehr leicht und schnell wieder im Bett.

Soviel zu einem ruhigen Tag.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ein kaputtes Telefon am Feiertag

Es war Feiertag und der Frühdienst traumhaft (also richtig mies) besetzt.
Von 35 Patienten waren 8 isoliert, davon 6 mit Clostridien, von den restlichen 27 waren 6 Pflegefälle. Kurzum: es war eine einzige Waschstraße.
Die genialste Kombi ist allerdings Clostridien/Noro  und Demenz.
Dazu Entlassungen und Aufnahmen.
Zum Heulen.

Mobile Patientin im Iso-Zimmer (MRSA, also kein Durchfall) klingelt. Dank der Übergabe wusste ich, dass die Pat. nicht so gut auf die Nachtschwester zu sprechen war und umgekehrt.
Ich kleide mich also in die schicken blauen Einmalkittel und ziehe mit Handschuhe an.
Im Zimmer frage ich die Pat. was denn los sei.

Pat.: „Schwester mein Telefon klingelt nicht. Da blinkt dann nur eine rote Lampe. Telefonieren geht aber.“
Ich: „Ja und was ist jetzt das Problem?!“
Pat.: „Na es klingelt nicht!“
Ich: „Ja, aber das kann ich grad auch nicht ändern.! Außerdem habe ich grad wichtigeres zu tun, als Telefone zu reparieren. Wir haben richtig Stress heute!“
Pat.: „Es muss doch hier einen Techniker geben. Können Sie den nicht mal holen?!“
Ich:  „Es ist Feiertag. Da gibt es nur den Technik-Notdienst! Und den werde ich ganz sicher nicht für ein Telefon kommen lassen! “
Pat.: „Das ist ja unerhört. Da begleitet die Nachtschwester mich schon nicht zum Klo (wie gesagt, mobile Pat.) und dann können Sie noch nicht mal den Techniker holen!“

Manchmal hab ich ja das Gefühl, dass Pat. ihre Beine und ihr Gehirn an der Pforte abgeben, wenn sie aufgenommen werden.

Das kann bei Neugeborenen schon mal passieren…

Ich bin zur Zeit auf einer interdisziplinären Station. Auf unserer Station lag ausnahmsweise auch eine Wöchnerin mit samt Neugeborenem und frisch gebackenen Papa.
Bis zur eigentlichen Wöchnerinnenstation ist es nicht weit.
Zum Glück.
Es war zur Abwechslung mal ein relativ ruhiger Frühdienst. Ich war gerade dabei, die Tabletten für „meine“ Patienten zu stellen.
Die Klingel fing an zu piepen. Zimmer 322. Unser „Neugeborenenzimmer“.
Bis jetzt hatte dieses Zimmer noch nie geklingelt.
Als ich die Tür öffnete, um zu fragen was los ist und die Klingel auszumachen, kam mir der Vater mit dem kleinen Bündel Mensch auf dem Arm schon völlig panisch entgegen gelaufen.
„Sie hat sich verschluckt, scheiße sie atmet nicht richtig und ist schon ganz blau!“
„Scheiße!“, war auch mein erster Gedanke. Den Vater im Schlepptau lief ich zurück zum Stationszimmer und rief nach meiner Kollegin.
„Los ab in den Kreißsaal, wir haben kein Material um ein Baby zu reanimieren!“.
Also weiter.
„Bitte keine Säuglingsreanimation, bitte nicht.“, dachte auf der gefühlt unendlich langen Strecke von ca. 200 m zum Kreißsaal.
Das hatte ich bis jetzt genau einmal gemacht. An einer Puppe. Und mir wäre es ganz lieb, wenn das auch in Zukunft so bleiben würde.
Als die Tür endlich aufging und der Vater auch angekommen war, fing das Bündel an zu schreien.
Mir ist ein Stein vom Herzen gefallen.
Als die Hebamme meinen etwas aufgeregten Bericht hörte, immer wieder vom Vater mit den Worten „Sie war blitzeblau!“ unterbrochen, kuckte sie uns beide an, als wären wir nicht ganz dicht.
Einen Blick auf das Neugeborene werfend, meinte sie ganz trocken: „Das kann bei Neugeborenen schon mal passieren, dass die sich verschlucken und nicht sofort wieder normal atmen. Da muss man nicht direkt so einen Aufstand machen. Ist doch nichts passiert.“
Ich entgegnete dann, dass mein Bedürfnis nach einer Reanimation nicht allzu groß gewesen sei und ich lieber auf Nummer sicher gegangen bin. Mal ganz von dem immer noch fast hyperventilierenden Vater abgesehen.
Ein wenig eingeschnappt, sagte sie in unser beider Richtung, dass man in einem solchen Fall das Baby einfach hochnehmen soll und dann würde schon nichts passiert.
Damit waren wir entlassen.
Ich hab einfach meinen Mund gehalten, denn es wäre wirklich nichts Nettes rausgekommen.
Wir sind dann schweigend mit dem Kind zurück auf die Station gegangen. Vater und Kind hatten sich beruhigt, aber ich war wütend. Ich ärgerte mich, dass ich selbst Panik bekommen hatte und nicht sicher auftreten konnte.

Ich habe nicht jeden Tag mit Neugeborenen zu tun. Ich habe keine Lust für den Tod oder schwere Hirnschäden eines Säuglings verantwortlich zu sein.
Und wenn ein Säugling nicht mehr richtig atmet und laut Vater schon blau anläuft, dann ist das ein Notfall. Für den Vater, für mich und für das Kind.

Und ich würde es genauso wieder machen. Dumme Bemerkungen hin oder her. Es geht um ein Menschenleben.

Fr M’s Tochter, Fr S, kam sie, trotz ihrer schweren körperlichen Einschränkungen, fast jeden Tag besuchen.
Sie informierte sich, wie sie ihre Mutter am besten unterstützen kann und auf welche Hilfen ihre Mutter und sie in Zukunft Anspruch hätten.
Leider infizierte sich die OP-Wunde im Verlauf. Fr M bekam ein Antibiotikum, welches aber nicht gegen die Infektion ankam. Man machte einen Abstrich (welchen man eigentlich sofort hätte machen soll… Aber man muss halt sparen…) und wechselte auf ein anderes AB.
Das AB wirkte und Fr M’s AZ verbesserte sich erstmal. Im Verlauf ging es ihr aber wieder schlechter.

Das ist bei älteren Pat ein häufiges Phänomen. Sie kommen relativ selbstständig ins KH und bauen dort in Rekordzeit ab.
Das hat mehrere Ursachen:
⦁ -Die Pat sind für eine Zeit ans Bett gebunden (je nach Erkrankung)
Dies führt dazu, dass Muskeln sich zurückbilden und damit auch die Kraft schwindet.

⦁ Das Risiko, Thrombosen, Lungenentzündungen, Kontrakturen (Sehnen verkürzen sich und Gelenke bleiben dadurch in pathologischen, sehr schmerzhaften Positionen „stehen“),
usw. zu erkranken, steigt.

⦁ Alte Menschen sind häufig multimorbid, d.h. sie leiden unter vielen Erkrankungen gleichzeitig.
Kommt nun auch noch eines der oben genannten Bsp. dazu, kann man sich ja vorstellen, dass dies nicht unbedingt förderlich für die Genesung ist.
⦁ Der Aufenthalt im KH verunsichert viele Pat, gerade ältere, da sie vieles nicht verstehen, aber zu stolz sind nachzufragen.

Und so weiter und so fort.

Wie schon geschrieben, hatte Fr M Herz- und Blutdruckprobleme.
Eines Tages bekam Fr M während meiner Schicht starke Brustschmerzen und auch beim Puls messen merkte ich, dass dieser sehr schnell und vor allem sehr unregelmäßig schlug.

Ich meldete es sofort und um einen Herzinfarkt o.ä. auszuschließen, beschloss man ein EKG in der Ambulanz zu schreiben. Auf dem Weg dorthin verschlechterte sich Fr M’s Zustand immer weiter.
Ich war alleine mit einem Praktikanten unterwegs. Zwar mit Notfalltasche, aber ohne Telefon. Natürlich stieg Panik in mir auf, besonders als wir im Aufzug waren. Denn in dem Moment hatte ich den höheren „Dienstrang“ und war somit die Verantwortliche.
Zum Glück kamen wir ohne größere Zwischenfälle in der Ambulanz an. Dort wurde dann ein EKG geschrieben, was meine Vermutung auf starke Herzrhythmusstörungen bestärkte. Man gab Fr M Antiarrhythmika, u.a. einen Betablocker.
Der Zustand stabilisierte sich soweit, dass wir sie wieder mit auf Station nehmen konnten.

Von diesem Tag an baute die Pat. stetig weiter ab. Konnte ich sie vorher noch im Bad versorgt werden, musste ich dies nun im Bett erledigen, da Fr M. mittlerweile Vollpflege benötigte.

Fr M. entschied sich eines Tages, dass sie keine weitere kurative Therapie mehr möchte sondern nur noch palliativ behandelt werden wollte.
Allerdings traute sie sich nicht dies den Ärzten mitzuteilen. Ich versprach ihr den Arzt darauf anzusprechen. Der war überhaupt nicht begeistert und ging erst gar nicht weiter auf die Bitte der Dame ein.
Irgendwann wurde der Wunsch dann doch akzeptiert und man leitete eine Morphintherapie ein um die Atemnot von Fr M. zu linerden. Mit jedem Tag, an dem ich sie pflegte, sah ich, dass es ihr immer schlechter ging.
Wir Pflegekräfte versuchten ihr das Leiden so gut wie möglich zu erleichtern.
Es gibt mehrere Möglichkeiten und in der Palliativmedizin arbeitet man durchaus auch mit „Hausmitteln“, wie waschen mit Pfefferminztee oder Wadenwickel bei Fieber.
Beläge auf der Zunge kann man wunderbar mit Panthenolsalbe oder Butter lösen. Stuhlgang (eingetrocknet) löst sich am besten mit fetthaltigen Salben oder Babyöl.

Ihre letzten 2 Tage war Fr M. in einem sogenannten präfinalen Zustand.
Ich fuhr zum Frühdienst und wusste schon vor Eintreffen auf der Arbeit, dass die Pat. heute versterben würde. Wir arbeiteten den üblichen Vormittag auf Station ab und ich sah, dass die Tochter da war. Als wir uns dann zum Frühstück in die Küche gesetzt hatten, verlangte das schrille Fiepen der Klingel schon nach wenigen Minuten nach unserer Aufmerksamkeit. Zimmer 506.
Ich wusste, jetzt war es soweit. Ich ging hin, machte die Anwesenheit an und damit die Klingel aus.
Der Tochter liefen die Tränen übers Gesicht und sie sagte: „Sie hat es geschafft.“
Auch mir stieg ein Kloß im Hals auf und ich musste mich beherrschen nicht zu weinen. Mein erster Reflex wenn ein Pat. verstirbt, ist das Fenster aufzumachen. Damit die Seele rauskann. Ich bin nicht gläubig, aber ich finde es sehr hilfreich wenn man sich an gewissen Ritualen „festhalten“ kann.

Ich holte einen Pfleger dazu und rief den Arzt an, welcher 2 Stunden später die Leichenschau vornahm und den Tod feststellte.
Ich rief dann für die Tochter den Bestatter an, da diese wie erwähnt taubstumm war, und machte einen Termin aus.

Dann machte ich Frau M. mit Pfleger Markus fertig. Wir entfernten alle Drainagen und Katheter und wuschen sie. Eine letzte Mundpflege, ein zusammengerolltes Handtuch unters Kinn, damit der Mund nicht mehr offen stand.
Früher hat man meist ein Tuch um Kinn und Kopf gewickelt, aber mittlerweile dürfen wir das nicht mehr, da es Strangulationsmale produziert und das rechtlich gesehen als Mord gedeutet werden könnte.

Wenn jemand im KH an etwas anderem als an der Diagnose, weswegen er eingeliefert wurde stirbt, müssen wir die Kripo rufen.
Danach brachten wir Fr M. in die Prosektur. Den Rest des Tages arbeitete ich meine Sachen wie ferngesteuert ab.
Ich hatte schon vorher Verstorbene zurecht gemacht, aber dieser Fall ging mir nahe.
Normalerweise nehme ich nur sehr selten Fälle aus dem KH „mit nach Hause“, aber dieses Mal beschäftigte es mich doch einige Tage.

In 3 Wochen von komplett selbstständig hin zu sterben.

Dieser „Fall“ hat sich in mein Gehirn eingebrannt und ich werde ihn wohl nie vergessen. Im positiven Sinne, soweit man beim Sterben von „positiv“ sprechen kann.
Obwohl sie mir nichts „greifbares“ vermittelt hat, konnte ich aus diesem Fall viel menschliches mitnehmen. Dinge, die man jemandem nicht in der Schule beibringen kann. Erfahrungen, die jeder selber sammeln muss, da jeder Mensch mit solchen Situationen anders umgeht.

Ruhe in Frieden liebe Katharina.

Frau Müller , eine rüstige alte Dame

Nennen wir sie Fr. Müller. Sie war eine 98-jährige Dame und hatte eine Tochte, welche eine starke Gehbehinderung hatte, sowie taub war.
Fr. Müller wurde zur elektiven Gallenoperation auf einer Viszeralchirurgischen Station auf genommen.
Ich bekam die Aufgabe mit ihr das Aufnahmegespräch zu führen.
Während des Gesprächs erfuhr ich, dass Fr Müller bisher völlig selbstständig gelebt hatte. Nur beim Einkaufen bekam sie Unterstützung.
Ihren Haushalt führte sie selbstständig. Für längere Strecken benutzte sie einen Rollator und die Öffis.
Also wirklich komplett selbstständig.
Diese Tatsache überraschte mich, da es ja nicht so selbstverständlich ist, dass eine 98-jährige Dame ihren Alltag immer noch fast ohne Hilfe gestalten konnte.
Zu ihrer Tochter hatte sie einen guten Kontakt und diese Besuchte ihre Mutter sehr oft.
An Vorerkrankungen hatte Fr Müller leichte Herzprobleme, einen Hypertonus und eine Diphterieinfektion in ihrer Jugend.
Gegen den hohen Blutdruck nahm sie einen Betablocker und dazu einen Magenschutz.
Auch die geringe Menge an Tabletten ist in diesem Alter schon fast unnormal. I.d.R sind ältere Pat. multimorbid und könnten sich von ihren Tabletten ernähren.
Die OP verlief gut und Fr Müller erholte sich relativ schnell.
Dass sie jetzt bei der Körperpflege Hilfe brauchte empfand sie als sehr belastend und entschuldigte sich dementsprechend am laufenden Band, egal wie oft man ihr erklärte, dass dies völlig normal wäre.

Irgendwann meinte ich dann ganz trocken zu ihr:
„Wissen se Fr Müller, auch wenn ich sie nicht gerne dabei unterstützen würde, würde das überhaupt keinen Unterschied ob der Qualität machen. Dat hier is schließlich mein Job und ich werd dafür bezahlt Ihnen zu helfen und sie gut pflegen. Die Bezahlung ist zwar nich sehr gut, aber vorhanden, und anders als viele meiner Kollegen zehre ich nich permanent vom Lob under Liebe der Pat.
Für mich is dat hier ein Beruf und keine Berufung. Zwar ein Beruf den ich sehr gerne, gewissenhaft und auch mit empathie und Verständnis mache, aber ein Beruf. Die Miete zahlt sich schließlich nicht von Liebe und Lob und auch den Kühlschrank kann man damit schlecht füllen.“
Nachdem mich Fr Müller erst mal für einige Sekunden sprachlos angestarrt hatte, fing sie an zu lachen und meinte: „SO ehrlich hat mir das noch nie jemand ins Gesicht gesagt. Ich finde Ihre Ansicht super Sr Irgendeine und bin ganz Ihrer Meinung, dass das Pflegepersonal nicht der persönliche Butler der Pat ist und seinen Beruf nicht als Berufung sehen sollte.“

Nach dieser kurzen „Erklärung“ fiel es der Pat viel leichter die Hilfe des Pflegepersonals (im Verlauf als „PP“ abgekürzt) und wir plauderten währenddessen auch viel mehr. Obwohl ich wusste, dass das nicht so ganz richtig war, versuchte ich für Fr Müller (im Verlauf als „Fr M“ abgekürzt) mir etwas mehr Zeit herauszuschlagen, weil sie mir echt ans Herz gewachsen war.
(Natürlich habe ich dadurch die Versorgung meiner anderen Pat nicht weniger gewissenhaft und freundlich ausgeführt! Es ist schließlich normal und menschlich, dass man verschiedene Pat mal mehr und mal weniger „mag“.)

Fortsetzung folgt.

Katrin

Nennen wir sie Katrin. Unter dem Namen stelle ich mir eine junge, lebenslustige Frau vor.
Bis vor wenigen Monaten war Katrin das auch noch. Bis sie wegen chronischen Kopfschmerzen zum Arzt ging und der eine unklare Raumforderung im vermis cerebelli (Kleinhirnwurm). Zwar haben wir uns in der Schule schon mit dem Gehirn beschäftigt, allerdings doch eher rudimentär.
Aber Raumforderungen verheißen ja meistens eher nicht so gutes.
Man fand schnell raus, dass es ein gutartiger Tumor war und plante eine OP. Während dieser OP wurde allerdings eine Arterie getroffen.Die Blutung hatte man stillen können und die Pat. überlebte.
Tagelang lag sie auf der Intensivstation, intubiert und mit so ziemlich allem an Drainagen versehen, was man in so einen Körper rein stecken kann. U.a. 2 Hirnventrikeldrainagen.
Als Katrin in die neurologische Reha kam, war sie tracheotomiert, und konnte auch nicht entblockt werden. Kommunizieren konnte sie nur mit „Daumen hoch – Daumen runter“, ansonsten hatte sie keinerlei Kontrolle über ihren Körper.
Als ich Katrin das erste Mal betreuen durfte, konnte ich nicht glauben, dass sie vorher „normal“ war. Und ich habe auch nicht im Traum dran gedacht, dass es auch nur annähernd wieder so werden würde.
Katrin hatte in wenigen Wochen schon wieder gelernt, wie sie am besten bei der Pflege mithelfen kann. Jede Therapie macht sie mit einer Motivation mit die ihresgleichen sucht.
Mittlerweile konnte man auch ganz gut mit ihr kommunizieren, da sie mittlerweile im entblockten Zustand wenige Wochen sprechen konnte.

Eines Morgens rutschte mir die Frage raus, wie es denn zu Hause weitergehe? Und sie antworte mir umständlich, dass sie durchaus immer noch anstrebe ihre Ausbildung weiterzumachen, auch wenn sie wissen dass das noch sehr lange dauern wird.

Ich schreibe das hier nicht wegen den medizinischen Details. Viel mehr überrascht hat mich die unglaubliche Willenskraft dieser jungen Frau. Mit der sie jetzt schon in kurzer Zeit Dinge geschafft hat, wie Pat. mit einer ähnlichen Diagnose in ihrem ganzen Leben nicht.
Ich finde das total bewundernswert, wie sie ihr Schicksal angenommen hat und damit umzugehen versucht.

Ich habe hier lange nicht geschrieben. Habe mich gefragt ob das überhaupt jemanden interessiert. Aber dann habe ich auf einem anderen Blog gelesen, dass es eher drum geht nicht alles in sich hineinzufressen. Das fand ich gut und so werde ich es hier weiterfühern. Nur allzu oft muss mein armer Freund herhalten wenn ich mich mal wieder über (Alltags)dinge auf der Arbeit ärgere. Da dies mittlerweile schon ein wenig an unserer Beziehung nagt, versuche ich mir ein anderes Sprachrohr zu schaffen, um dem armen Kerl mal wieder etwas Luft zu lassen.

Ich habe in den letzten Monaten so einiges durch. Ich bin in einen neuen Kurs gekommen, da ich nach 6 Monaten krankheitsbedingter Pause zu viel verpasst hatte. Jedenfalls laut meiner Schulleitung. Ist aber am Ende auch das Beste so. Ich habe in den ersten 2 Wochen im neuen Kurs schon zu knabbern gehabt, aber mittlerweile muss ich sagen komm ich besser zurecht als in meinem alten!
Nervig finde ich es nur wenn ich mich mal mit „alten“ Kurskameraden unterhalte und weiß, dass diese bald ausgelernt haben. Ich bin so ungeduldig. Ich will auch fertig sein, will mich ins Berufsleben stürzen und kucken ob wirklich alles so schlimm ist.

Ich verfolge viele Ärzte-, Pflege- und Rettungsdienstblogs. Und eigentlich würde ich lieber nur lustige Sachen hier schreiben. Aber es wäre einfach ein Ausblenden der Realität.
Wenn ich mir die Situation und das Gesundheitssystem hier anschaue und manchmal einfach nur laut schreien möchte, dann, ja dann würde ich manchmal einfach gern die Augen zu machen, frei nach „Was ich nicht sehe ist auch nicht da“.

Aber am Ende bringt das ja auch nichts. Man ist nur ein Tropfen auf dem heißen Stein, aber je mehr Tropfen und je schneller sie sich sammeln, desto größer ist die Chance den Stein abzukühlen. Irgendwann.

Und so tue ich was ich tun muss. In (dem wirklich großartigen und empfehlenswerten Buch) „Die Anstalt“ von John Katzenbach, heißt es sinngemäß: „Schreib alles auf, was damals passiert ist.“ Und ich fange an zu schreiben.