Die erste Reanimation

Ob nun in der Krankenpflege- bzw. Rettungsdienstausbildung, im ehrenamtlichen Sanitätsdienst, im 1.-Hilfe-Kurs oder in der Werbung:
Keinen Algorhythmus bekommt man intensiver eingebläut, wie den der Reanimation.

Nachmittags auf einer Rettungswache, kurz nach dem „Strammstehen“ in der Fahrzeughalle:
Die Lichter gingen an, der Gong war zu hören und Praktikantin Irgendeine verspürte immer noch einen kleinen Adrenalinschub ob dessen.
„Intern 2 für den 13-RTW-6 mit dem 13-NEF-1, bewusstlose Person, Meisterstr. 17“, teilte die Leitstelle uns mit.
Nach vielen „belangloseren“ Einsätzen, versprach dieser anstrengend und spannend zu werden.
Nach
Wir joggten also mit dem halben RTW im Gepäck 5 Stockwerke durch ein enges Treppenhaus hoch. Die Wohnung, die wir betraten, nachdem die Ehefrau uns geöffnet hatte, war nicht viel größer, der Flur vielleicht 2 Meter lang und 1 Meter breit. Der Pat. lag leblos auf dem gemeinsam Ehebett. Der Kollege sagte laut: „Okay, kein Puls, Rea!“
Dafür fing mein Puls nun an zu rasen. „Ein Rea. Meine erste. Ich weiß gar nichts mehr, trotz tausend Mal geübt.“
Wir verfrachteten den Pat. also mitsamt Bettlaken in den winzigen Flur.
Der Rettungsassistent verteilte die Aufgaben: „Irgendeine, du fängst an zu drücken, Rettungssanitäter, du legst einen Zugang und bereitest eine Infusion vor. Ich übernehme die Beatmung und klebe das EKG!“
Ich fing also an und gleich beim dritten Mal drücken knackste es. Die Rippen waren gebrochen und ich verspürte den Impuls mit dem Drücken aufzuhören. Nein, weiter, nun ging es auch leichter.
Der Notarzt und sein RA polterten die alte Holztreppe hinauf. Nach einer kurzen „Übergabe“, machte der NA sich daran, den Pat. zu intubieren, während ’sein‘ RA die benötigten Medis aufzog und ‚unserem‘ RA in die Hand drückte, damit dieser sie spritzen konnte. Der RS fischte derweil immer wieder etwas Erbrochenes aus dem Mund des Pat., damit der Mediziner überhaupt etwas sehen konnte
„Drücken unterbrechen. Okay, Kammerflimmern, schocken. Alle weg vom Pat. Und weiter!“
Ich war mittlerweile seit 25 Min. am Drücken und hatte das Gefühl, meine Arme würden abfallen. Da es einer akrobatischen Meisterleistung glich, die Position in diesen begrenzten Räumlichkeiten zu wechseln, konnte ‚unser‘ RA mich erst weitere 5 Min. später ablösen.
In diesem Chaos wuselte dann (verständlicherweise) noch die Ehefrau rum.
„Drücken unterbrechen. Nochmal Schock.! Weiter!“
Dann sollte ich bei der Beatmung assisstieren. Ich kämpfte mich durch den Dschungel an aufgerissenen Verpackungen, Defi, Erbrochenem und menschlichen Körperteilen, zum Doc. und dem Beatmungsgerät.
Ich hatte dieses Gerät schon so oft bedient und wusste eigentlich ganz genau, wie es funktionierte. Und trotzdem stand ich da wie gelähmt und wusste nicht mehr, welche Köpfe und Rädchen ich wie einzustellen hatte. Panik stieg in mir auf und ich schaute den NA flehentlich an.

Die sagte wider Erwarten gelassen und freundlich: „Ganz ruhig, bloß keine Hektik. Ich bebeutele ja gerade noch. Also dreh an dem Rädchen um die Literzahl und an dem daneben, um den gewünschten Druck einzustellen.“
Ich tat also wie mir gesagt wurde. Währenddessen fiel mir auch der Rest wieder ein und der Algorhythmus lief wieder wie von selbst ab.

Nachtrag: Der Pat. hat leider nicht überlebt. Für die Ehefrau wurde ein Notfallseelsorger angefordert.