Von Bettpfannen, Zahnbürsten und einem polizeilichen Großeinsatz in der Nacht

Vorab: Diese Geschichte habe ich (zum Glück!) nicht selbst erlebt. Sie wurde mir von einer Kollegin erzählt, was sie aber nicht weniger „lustig“ macht.

Die Nachtschicht auf einer kardiologischen/internistischen hatte gerade begonnen. Alle Betten waren belegt und es versprach ein ruhiger Dienst zu werden. Diese hoffnungsvolle Erwartung wurde direkt beim ersten Rundgang enttäuscht.

Pat. Christian war eigentlich ein sehr netter und allseits orientierter Mensch. Nach seiner OP allerdings befand er sich in einem sog. Durchgangssydrom (d.h. Menschen, die eigentlich völlig klar sind, vertragen die Narkose nicht und sind völlig neben der Spur).
Christian war der festen Überzeugung, dass Sr. Lara ihn vergiften, fesseln oder gar erschießen wollte. Deshalb bewaffnete er sich mit einer Bettpfanne und versteckte sich fürs Erste unter dem Bett.

Als Lara das nächste Mal reinkam und etwas näher an sein Bett trat, um zu kucken ob er seelig schlummerte, witterte er seine Chance. Er schnellte unter dem Bett hervor, die Bettpfanne als Schutzhelm auf dem Kopf, und griff der Sr. um die Fußknöchel. Diese erschreckte sich zu Tode und taumelte gegen den Schrank. Nachdem sie sich wieder etwas gefasst und Christian davon überzeugt hatte, sich wieder ins Bett zu legen, fuhr sie mit ihrer Erkundungstour fort.

Beim Tablettenstellen hörte sie aus Christians Zimmer ein Knallen und schaute nichts Gutes ahnend nach. Als sie die Tür aufmachte, war es stockdunkel und augenscheinlich ruhig.
Bis hinter ihr die Tür des Wandschranks aufflog und mit einem markerschütternden Schrei Christian heraussprang, bekleidet mit einem wehenden Engelshemdchen, die Bettpfanne auf dem Kopf und die Zahnbürste (wohl als Verteidigungsgegenstand) in der Hand. Angriffslustig schaute er Lara – in seinen Augen wahrscheinlich gerade ein Alien – an.

Diese schrie auf, nahm die Beine in die Hand und knallte die Tür von außen ins Schloss. Jetzt hatte sie die Schnauze voll und rief den AvD (A***h vom Dienst aka. Arzt vom Dienst) und um zu fragen, ob sie dem Pat. ein Beruhigungsmittel geben dürfe. Er ordnete es an. Nun stellte sich die Frage, wie sie den Pat. davon überzeugen könnte, das Medikament zu nehmen. Schließlich glaubte er, dass die Sr. ihn vegiften wollte.

Eine selbstauflösende Tablette für unter die Zunge, ja das könnte funktionieren. Vor der Tür atmete sie nochmal tief durch. Als sie den Raum betrat, erstrahlte der ganze Raum in flackerndem Blaulicht. Mitten im Raum stand, immer noch die Bettpfanne auf dem Kopf und mit der Zahnbürste rumfuchtelnd, der grimmig dreinblickende Christian.
Lara ließ vor Schreck die Tablette fallen.
Durch die große Fensterfront sah sie das ganze Ausmaß.

Die Aussage „Alarmieren Sie… bis ich stop sage!“, schien sich der Leitstellendisponent in diesem Falle sehr zu Herzen genommen zu haben . Die große Zufahrtsstraße war mit so ziemlich allem an verfügbaren Polizeieinheiten blockiert. Um die Autos herum liefen mehrere Polizisten.

Im Flur waren schwere Schritte zu vernehmen. „Schwester…?“
„Ja?“, antwortete Lara, die immer noch völlig fassungslos auf die Armada an Einsatzfahrzeugen starrte.
„Schwester, können wir Sie mal kurz sprechen?“
Lara kam der Bitte nach. Ein Beamte sagte zu ihr: „Einer Ihrer Pat., ein gewisser Christian…“ „…Müller.“, vervollständigte sie den Satz tonlos. „Ja genau. Der Herr hat die 110 angerufen und im Haus gegenüber einen Einbruch mit mehreren bewaffneten Tärern gemeldet. Da wir von einer Großschadenslage ausgehen mussten, sind wir mit einigen Fahrzeugen angerückt.“

Er spähte neugierig ins Zimmer, in dem Christian sich noch keinen Millimeter bewegt hatte.
Dann wandte er sich wieder seinem Kollegen und Lara zu: „Gehe ich recht in der Annahme, dass wir ein kleines Problem bezüglich der Einsichtsfähigkeit des jungen Mannes haben?“ „So kann man es auch nennen. Ich rufe den AvD.“
Dieser schlurfte etwas später sichtbar genervt an. Als er die beiden Gesetzeshüter erblickte, schien er auf einen Schlag hellwach. „Was zum.. Was ist hier los?!“

„Hr. Müller wollte die Tavor (Beruhigungstablette) nicht und hat stattdessen Großalarm ausgelöst.“, klärte Lara xihn auf.
Nachdem der Arzt erfahren hatte, was Christian in seiner geistigen Umnachtung alles vollbracht hatte, beschloss er, dass das Soll an Fremd- und Eigengefährdung jetzt definitiv erreicht sei und ordnete eine Einweisung nach Psych KG in eine Psychiatrie an. Praktischerweise war die Polizei ja schon vor Ort.
Nachdem Christian also eingepackt und der Einsatz abgeblasen worden war, ging der AvD gähnend wieder Richtung Koje.
Lara hatte gar nicht mehr auf die Uhr geachtet. Sie saß im Dienstzimmer. Als die Kollegen zum Frühdienst kamen und fragten: „Oh Gott Lara was ist passiert?! Ist jemand gestorben?!“, liefen ihr die Tränen über die Wangen. Sie erzählte die ganze Story und alle waren fassungslos. Arme Lara.

2 Tage später, als er endlich aus dem Durchgang raus war, wurde Christian übrigens wieder aus der Psychiatrie entlassen und auf Station zurückverlegt. Das Schlimme: Er konnte sich an ALLES erinnern und es war ihm natürlich schrecklich peinlich.
Er schüttete Lara mit Pralinen und Blumen als Entschuldigung zu.

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