Opa Heinz auf dem Weg nach Hause

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Da sollte mal ein Arzt drauf kucken!

Es war ein relativ entspannter Spätdienst auf einer interdisziplinären Station. Ab und zu hörte man eine demente Pat. „Güüüüünther wo bist du?!“ rufen und die üblichen „Verdächtigen“ klingelten um die Wette, aber ansonsten war es ruhig.

Ein Anästhesist ruft mich zu einer Pat, Frau Leidinger. Eigentlich eine rüstige ältere Dame, die einen Teil der Bauchspeicheldrüse entfernt bekommen sollte.
Jetzt aber lag sie wie ein nasser Sack im Bett, geistig überall, nur nicht in der Realität. Selbst auf Schmerzreize reagierte sie nicht adäquat.
„Sag mal ist die immer so?!“ fragte mich der Anästhesist.
Ich: „Nö, eigentlich ist die relativ fit.“
Der Arzt kuckte mich an und sagte dann mit ernstem Blick: „Dann sollte da aber mal ein Arzt draufkucken!“

Es stellte sich dann heraus, dass die gute Frau ein bisschen zu viel Betäubungsmittel erhalten hatte.

Eine kleine Entzündung…

Irgendeine war im 2. Lehrjahr auf einer Allgemeinchirurgie.
Im Frühdienst gab man mir die Aufgabe, den neu aufgenommenen und leicht dementen Pat. Peter M. für seine Gallensteinentfernung vorzubereiten.
Ich schickte ihn samt Frau und Tochter schon mal aufs Zimmer, während ich mir noch das benötigte Material zusammensuchte.
Bewaffnet mit Rasierer, Unterlage und Handschuhen betrat ich also das Zimmer von Hr. Meier.
Ich erklärte der Runde, dass ich Peter nun rasieren werde, woraufhin die Ehefrau mir sagte: „Ach Schwester, mein Mann hat am Penis eine kleine Entzündung, aber das ist für die OP doch sicher keine Problem?“
Peter schien mit der ganzen Sit. etwas überfordert, weshalb ich ihm nochmal langsam erklärte, was ich jetzt machen wollte.

Als ich die Unterlage ins Bett legte, zeichnete sich unter der Hose schon ein verdächtiger Hubbel ab.
Als ich die Schutzhose (für nicht-Pflegekräfte: Das „Fach“wort für Windeln für Erwachsene) runter zog, klebte sie fest. Böses schwante mir.
Ich zog vorsichtig weiter bis ich eine Art blutig-eitrigen Fleischklumpen freigelegt hatte. Nichts,aber auch gar nichts erinnerte daran, dass an dieser Stelle mal ein Penis gewesen war.
Ich hatte bis dahin schon sehr viele, sehr eklige Wunden gesehen, aber DAS übertraf alles.

„Tut das nicht weh?!“, entfuhr es mir. Peter schaute mich ganz erstaunt und auch ein bisschen erschrocken an und antwortete: „Nein, was ist denn los Sr.?“
Ich murmelte etwas von „Ich hole mal die Stationsleitung!“ und flüchtete. Die Stationsleitung sah sich das Ganze an und schickte mich den Stationsarzt holen. Nach meiner Schilderung fackelte er nicht lange und ließ direkt den Chefarzt antanzen.

Der warf einen Blick auf den Fleischklumpen und wandte sich an mich: „Irgendeine, Sie sind doch Azubi, nicht wahr? Laufen Sie mal durchs Haus und sammeln Sie alle Azubis und Studenten ein. Sowas sehen Sie wahrscheinlich nur einmal in Ihrer Karriere!“

Ich tat, wie mir gesagt wurde und kam mit einer Schar angehender Pflegekräfte und Ärzte im Schlepptau zurück. Nachdem alle einmal gekuckt hatten und wieder abgezogen waren, hörte ich die Ehefrau noch fragen: „Herr Doktor, für die OP ist das aber jetzt kein Problem, oder?“
Wenig später standen dann die Sanis vom Krankentransport da und haben Peter in die Urologie des Nachbarkrankenhauses gefahren.
Im Nachhinein habe ich erfahren, dass es sich um ein exulcerierendes Peniskarzinom im Endstadium (Wer hätte das gedacht!) handelte und der Pat. wenige Tage später in dem anderen Krankenhaus verstorben war.

Von Bettpfannen, Zahnbürsten und einem polizeilichen Großeinsatz in der Nacht

Vorab: Diese Geschichte habe ich (zum Glück!) nicht selbst erlebt. Sie wurde mir von einer Kollegin erzählt, was sie aber nicht weniger „lustig“ macht.

Die Nachtschicht auf einer kardiologischen/internistischen hatte gerade begonnen. Alle Betten waren belegt und es versprach ein ruhiger Dienst zu werden. Diese hoffnungsvolle Erwartung wurde direkt beim ersten Rundgang enttäuscht.

Pat. Christian war eigentlich ein sehr netter und allseits orientierter Mensch. Nach seiner OP allerdings befand er sich in einem sog. Durchgangssydrom (d.h. Menschen, die eigentlich völlig klar sind, vertragen die Narkose nicht und sind völlig neben der Spur).
Christian war der festen Überzeugung, dass Sr. Lara ihn vergiften, fesseln oder gar erschießen wollte. Deshalb bewaffnete er sich mit einer Bettpfanne und versteckte sich fürs Erste unter dem Bett.

Als Lara das nächste Mal reinkam und etwas näher an sein Bett trat, um zu kucken ob er seelig schlummerte, witterte er seine Chance. Er schnellte unter dem Bett hervor, die Bettpfanne als Schutzhelm auf dem Kopf, und griff der Sr. um die Fußknöchel. Diese erschreckte sich zu Tode und taumelte gegen den Schrank. Nachdem sie sich wieder etwas gefasst und Christian davon überzeugt hatte, sich wieder ins Bett zu legen, fuhr sie mit ihrer Erkundungstour fort.

Beim Tablettenstellen hörte sie aus Christians Zimmer ein Knallen und schaute nichts Gutes ahnend nach. Als sie die Tür aufmachte, war es stockdunkel und augenscheinlich ruhig.
Bis hinter ihr die Tür des Wandschranks aufflog und mit einem markerschütternden Schrei Christian heraussprang, bekleidet mit einem wehenden Engelshemdchen, die Bettpfanne auf dem Kopf und die Zahnbürste (wohl als Verteidigungsgegenstand) in der Hand. Angriffslustig schaute er Lara – in seinen Augen wahrscheinlich gerade ein Alien – an.

Diese schrie auf, nahm die Beine in die Hand und knallte die Tür von außen ins Schloss. Jetzt hatte sie die Schnauze voll und rief den AvD (A***h vom Dienst aka. Arzt vom Dienst) und um zu fragen, ob sie dem Pat. ein Beruhigungsmittel geben dürfe. Er ordnete es an. Nun stellte sich die Frage, wie sie den Pat. davon überzeugen könnte, das Medikament zu nehmen. Schließlich glaubte er, dass die Sr. ihn vegiften wollte.

Eine selbstauflösende Tablette für unter die Zunge, ja das könnte funktionieren. Vor der Tür atmete sie nochmal tief durch. Als sie den Raum betrat, erstrahlte der ganze Raum in flackerndem Blaulicht. Mitten im Raum stand, immer noch die Bettpfanne auf dem Kopf und mit der Zahnbürste rumfuchtelnd, der grimmig dreinblickende Christian.
Lara ließ vor Schreck die Tablette fallen.
Durch die große Fensterfront sah sie das ganze Ausmaß.

Die Aussage „Alarmieren Sie… bis ich stop sage!“, schien sich der Leitstellendisponent in diesem Falle sehr zu Herzen genommen zu haben . Die große Zufahrtsstraße war mit so ziemlich allem an verfügbaren Polizeieinheiten blockiert. Um die Autos herum liefen mehrere Polizisten.

Im Flur waren schwere Schritte zu vernehmen. „Schwester…?“
„Ja?“, antwortete Lara, die immer noch völlig fassungslos auf die Armada an Einsatzfahrzeugen starrte.
„Schwester, können wir Sie mal kurz sprechen?“
Lara kam der Bitte nach. Ein Beamte sagte zu ihr: „Einer Ihrer Pat., ein gewisser Christian…“ „…Müller.“, vervollständigte sie den Satz tonlos. „Ja genau. Der Herr hat die 110 angerufen und im Haus gegenüber einen Einbruch mit mehreren bewaffneten Tärern gemeldet. Da wir von einer Großschadenslage ausgehen mussten, sind wir mit einigen Fahrzeugen angerückt.“

Er spähte neugierig ins Zimmer, in dem Christian sich noch keinen Millimeter bewegt hatte.
Dann wandte er sich wieder seinem Kollegen und Lara zu: „Gehe ich recht in der Annahme, dass wir ein kleines Problem bezüglich der Einsichtsfähigkeit des jungen Mannes haben?“ „So kann man es auch nennen. Ich rufe den AvD.“
Dieser schlurfte etwas später sichtbar genervt an. Als er die beiden Gesetzeshüter erblickte, schien er auf einen Schlag hellwach. „Was zum.. Was ist hier los?!“

„Hr. Müller wollte die Tavor (Beruhigungstablette) nicht und hat stattdessen Großalarm ausgelöst.“, klärte Lara xihn auf.
Nachdem der Arzt erfahren hatte, was Christian in seiner geistigen Umnachtung alles vollbracht hatte, beschloss er, dass das Soll an Fremd- und Eigengefährdung jetzt definitiv erreicht sei und ordnete eine Einweisung nach Psych KG in eine Psychiatrie an. Praktischerweise war die Polizei ja schon vor Ort.
Nachdem Christian also eingepackt und der Einsatz abgeblasen worden war, ging der AvD gähnend wieder Richtung Koje.
Lara hatte gar nicht mehr auf die Uhr geachtet. Sie saß im Dienstzimmer. Als die Kollegen zum Frühdienst kamen und fragten: „Oh Gott Lara was ist passiert?! Ist jemand gestorben?!“, liefen ihr die Tränen über die Wangen. Sie erzählte die ganze Story und alle waren fassungslos. Arme Lara.

2 Tage später, als er endlich aus dem Durchgang raus war, wurde Christian übrigens wieder aus der Psychiatrie entlassen und auf Station zurückverlegt. Das Schlimme: Er konnte sich an ALLES erinnern und es war ihm natürlich schrecklich peinlich.
Er schüttete Lara mit Pralinen und Blumen als Entschuldigung zu.

Die erste Reanimation

Ob nun in der Krankenpflege- bzw. Rettungsdienstausbildung, im ehrenamtlichen Sanitätsdienst, im 1.-Hilfe-Kurs oder in der Werbung:
Keinen Algorhythmus bekommt man intensiver eingebläut, wie den der Reanimation.

Nachmittags auf einer Rettungswache, kurz nach dem „Strammstehen“ in der Fahrzeughalle:
Die Lichter gingen an, der Gong war zu hören und Praktikantin Irgendeine verspürte immer noch einen kleinen Adrenalinschub ob dessen.
„Intern 2 für den 13-RTW-6 mit dem 13-NEF-1, bewusstlose Person, Meisterstr. 17“, teilte die Leitstelle uns mit.
Nach vielen „belangloseren“ Einsätzen, versprach dieser anstrengend und spannend zu werden.
Nach
Wir joggten also mit dem halben RTW im Gepäck 5 Stockwerke durch ein enges Treppenhaus hoch. Die Wohnung, die wir betraten, nachdem die Ehefrau uns geöffnet hatte, war nicht viel größer, der Flur vielleicht 2 Meter lang und 1 Meter breit. Der Pat. lag leblos auf dem gemeinsam Ehebett. Der Kollege sagte laut: „Okay, kein Puls, Rea!“
Dafür fing mein Puls nun an zu rasen. „Ein Rea. Meine erste. Ich weiß gar nichts mehr, trotz tausend Mal geübt.“
Wir verfrachteten den Pat. also mitsamt Bettlaken in den winzigen Flur.
Der Rettungsassistent verteilte die Aufgaben: „Irgendeine, du fängst an zu drücken, Rettungssanitäter, du legst einen Zugang und bereitest eine Infusion vor. Ich übernehme die Beatmung und klebe das EKG!“
Ich fing also an und gleich beim dritten Mal drücken knackste es. Die Rippen waren gebrochen und ich verspürte den Impuls mit dem Drücken aufzuhören. Nein, weiter, nun ging es auch leichter.
Der Notarzt und sein RA polterten die alte Holztreppe hinauf. Nach einer kurzen „Übergabe“, machte der NA sich daran, den Pat. zu intubieren, während ’sein‘ RA die benötigten Medis aufzog und ‚unserem‘ RA in die Hand drückte, damit dieser sie spritzen konnte. Der RS fischte derweil immer wieder etwas Erbrochenes aus dem Mund des Pat., damit der Mediziner überhaupt etwas sehen konnte
„Drücken unterbrechen. Okay, Kammerflimmern, schocken. Alle weg vom Pat. Und weiter!“
Ich war mittlerweile seit 25 Min. am Drücken und hatte das Gefühl, meine Arme würden abfallen. Da es einer akrobatischen Meisterleistung glich, die Position in diesen begrenzten Räumlichkeiten zu wechseln, konnte ‚unser‘ RA mich erst weitere 5 Min. später ablösen.
In diesem Chaos wuselte dann (verständlicherweise) noch die Ehefrau rum.
„Drücken unterbrechen. Nochmal Schock.! Weiter!“
Dann sollte ich bei der Beatmung assisstieren. Ich kämpfte mich durch den Dschungel an aufgerissenen Verpackungen, Defi, Erbrochenem und menschlichen Körperteilen, zum Doc. und dem Beatmungsgerät.
Ich hatte dieses Gerät schon so oft bedient und wusste eigentlich ganz genau, wie es funktionierte. Und trotzdem stand ich da wie gelähmt und wusste nicht mehr, welche Köpfe und Rädchen ich wie einzustellen hatte. Panik stieg in mir auf und ich schaute den NA flehentlich an.

Die sagte wider Erwarten gelassen und freundlich: „Ganz ruhig, bloß keine Hektik. Ich bebeutele ja gerade noch. Also dreh an dem Rädchen um die Literzahl und an dem daneben, um den gewünschten Druck einzustellen.“
Ich tat also wie mir gesagt wurde. Währenddessen fiel mir auch der Rest wieder ein und der Algorhythmus lief wieder wie von selbst ab.

Nachtrag: Der Pat. hat leider nicht überlebt. Für die Ehefrau wurde ein Notfallseelsorger angefordert.

Das Ding gibt den Geist auf

Neulich auf der Gefäßchirurgie.

Pat. kommt auf Station, um für eine sogenannte DSA (eine Untersuchung, bei der man einen Katheter in eine Arterie, in dem Fall die in der Leiste, einführt, um zu kucken ob es Engstellen gibt, die man dann ggf. therapieren kann/muss) vorbereitet zu werden.

Es war kurz vor der Übergabe an den Spätdienst und der Tag hatte schon gut angefangen: eine Tasse kochendheißen Kaffed  über der Hand verteilen, gehört nicht zu den Sachen, die man unbedingt erlebt haben muss. Dementsprechend kaputt war ich, als ich mir das benötigte Material zusammensuchte und ins Zimmer marschierte, um die Leisten des Mannes zu rasieren.

Ich fing also mit unserem ultramodernen Haartrimmer an, um seine besten Stücke herum zu rasieren. Irgendwann merkte ich, dass das Teil wieder mal schwach auf der Brust wurde und murmelte mehr zu mir selbst: „Scheiße, hoffentlich gibt das Ding jetzt nicht den Geist auf!“

Der Pat. schnellte hoch: „Was gibt den Geist auf Schwester?!“

Kommunikation ist alles.

Ein Spätdienst auf einer interdisziplinären Station eines mittelgroßen deutsches Krankenhauses. 30 Betten.

4 Iso-Zimmer (Clostridien, MRSA, MRGN 4), insgesamt ca. 10 Vollpflegefälle, 3 davon haben die 100 kg Marke sehr deutlich überschritten. Von diesen 3 sind 2 stockdement.

Eine demente Dame, die permanent wegläuft, so dass wir ihr Station und Zimmer auf ihr Patientenarmband schreiben mussten.

Ein dementer Opi, der regelmäßig bäuchlings über dem Bettgitter hängt, dabei auf alles, was irgendwie in Reichweite ist, Essen verteilt und beim besten Willen nicht davon zu überzeugen ist, dass es sich frisch gemacht und im Bett liegend wesentlich bequemer liegt.

Eine der kräftigeren, isolierten Pat. ist zwar völlig klar, schafft es aber fast IMMER statt in die Bettpfanne daneben Stuhlgang zu machen, welchen sie sich dann selber abwischen möchte und es dabei immer wieder schafft das ganze Bett und den Nachttisch vollzuschmieren.

Ein Bett ist frei, aber nicht lange. Kurz vor Schichtende stand dann ein Pfleger mit einer auf einer Trage liegenden Pat. unangekündigt auf Station. Ich habe ihn dann gefragt, ob wir denn jetzt endlich abgemeldet seien. „Ja, aber nur solange bis eine Station wieder Platz hat um Betten (mit Pat.drin!) auf den Flur zu stellen.“

Die Pat. ist so dement, dass keinerlei Kontaktaufnahme mehr möglich ist. Die Dame, Marke „AZ-Verschlechterung-und-wir-sind-unterbesetzt“, kam aus einem Altenheim wegen unklaren Blutungen im Stuhl. Laut ihrem Sohn, ist keine Reanimation, keine Intensivstation, kurz gesagt, keine lebenserhaltende Maßnahmen.

Auf unsere Station kam sie, weil am nächsten Tag eine Koloskopie gemacht werden sollte. Eine Koloskopie. Bei einer Pat., die nicht reanimiert werden will/soll. 

Dafür muss man mind. 1 Liter Abführmittel trinken. Fand die Pat nicht so toll und sprudelte mir das Zeug wie ein Springbrunnen zurück. Nachdem mehr von der Flüssigkeit auf meinem Kittel, statt in ihrem Mund gelandet war, habe ich aufgegeben.

Dementer Vollpflegefall+Kolo= sehr, sehr viel Arbeit. Der arme Nachtpfleger.

Zusammenfassend gesagt: Der alltägliche Wahnsinn.